fh-ch-Position: Arbeitsbedingungen vor und nach Corona

Zu den Arbeitsbedingungen nach Corona an Fachhochschulen – Chance für Entwicklungen oder Festschreibung eines Notprogramms?

Die Umstellung auf digitalisierte Lehrformate in Corona-Zeiten ging erstaunlich problemlos vonstatten, vielerorts wurde Ausserordentliches geleistet, um den Hochschulbetrieb aufrecht zu erhalten. Dabei handelte es sich um das Agieren in einer Notsituation und nicht um die Umsetzung eines entwickelten Konzeptes.

Die Auswirkungen von Corona an den Hochschulen wurden kürzlich entsprechend evaluiert. Jetzt besteht die Gefahr, dass scheinbare Evidenzeffekte als Argument genommen werden, um Entwicklungen in der Lehre voranzutreiben oder um Sparprogramme zu realisieren. Doch kann man ohne Qualitätsverlust weniger Räume einplanen, aufgezeichnete Lehrveranstaltungen abspielen und Studierende auf Distanz adäquat fördern und begleiten? Was heisst das für die Qualität der Lehre? Welche Kinder könn-ten hier unversehens mit dem Bade ausgeschüttet werden?

Home-Office und Distance Learning haben sich bekanntlich als nachteilig für die Chancengleichheit erwiesen. Sowohl als Lehrende als auch als Lernende haben Frauen – vor allem mit Kindern – einen grösseren Teil der zu Hause anfallenden Betreuungs- und Haushaltsarbeiten übernommen. Das zeigt, dass in unserer Gesellschaft alte Rollenvorstellungen noch immer tief verankert sind. Mit Corona bedarf es daher einer besonderen Aufmerksamkeit für die Gleichberechtigung der Geschlechter (an Hochschulen) und der Bereitstellung von Unterstützungs- und Entlastungsmassnahmen für Erziehende.

Die Chancengleichheit für Studierende war ebenfalls weniger gewährleistet. Fremdsprachige Studierende und Studierende aus bildungsfernen und einkommensschwächeren Familien waren durch Distance-Learning klar benachteiligt. Diese Benachteiligung vermochten die Dozierenden oftmals nicht aufzufangen.

Der Lernfortgang der Studierenden entwickelt seine besondere Qualität im direkten, teils informellen Austausch, beim Mittagessen, beim Bier am Abend. Studieren muss eine soziale Erfahrung und ein emotionales Erlebnis sein, um Gelerntes nachhaltig zu verankern. Hochschulen sind dennoch keine Orte hedonistischer Spassveranstaltungen. Sie vermitteln den Studierenden auch im Berufsleben interaktiv und verantwortlich zu agieren und nicht einfach Dinge als erledigt abzuhaken.

Engagierten Dozierenden kommt dabei eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion zu. Diese muss in der direkten Be-gegnung mit den Studierenden, aber auch in digitalen Settings, eingenommen werden können.

Die Hochschulen können auf Dauer nicht ohne den direkten Kontakt der Menschen auskommen und sie lassen sich auch nicht ohne substanzielle Einbussen «durchökonomisieren». Insbesondere die Fachhochschulen können «praktischen», taktile, anwendungsorientierte Kenntnisse und Abläufe (tacit knowledge) nicht rein digital vermitteln. Die theoretischen und universitären Fächer haben ihre eigene «Praxis» des Vermittelns, Erörterns und Einübens. Auch hier kann die Digitalität viel leisten.

Sie kann den direkten (emotionalen) Austausch in einer analogen Lernumgebung sinnvoll ergänzen, sie kann ihn aber keinesfalls ersetzen. Die zwangsweise Umstellung auf digitale Lehrformate ging einher mit der Einschränkung einer bereits vor Corona zunehmend unter Druck geratenen Lehr- und Forschungsfreiheit. Es bedeutet Qualitätssicherung und ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit, wenn Freiräume an den Hochschulen als kostbares Gut erkannt werden. Sie müssen so bald wie möglich dort wieder zur Verfügung gestellt werden, wo sie in Corona-Zeiten den Bedingungen des Notfall-Managements geopfert wurden.

Corona kann sich als Gewinn herausstellen, wenn es gelingt vorurteilsfrei zu identifizieren, welche Werte erhaltenswert sind und die Hochschulen voranbringen. Um das herauszufinden müssen die Betroffenen (Dozierenden, Studierende) stark einbezogen werden in Konzeption, Entwicklung und Umsetzung der «Fachhochschule nach Corona».

Forderungen:

  1. Der fh-ch fordert, dass die während der Corona-Epidemie vorangetriebene Digitalisierung der Lehre nicht zum «Courant normal» werden darf.
  2. Verantwortungsbewusstsein für die Natur und die Mitmenschen, sowie den Meinungsdiskurs lernt man nicht im digitalen Raum, sondern im Umgang mit andern. Der fh-ch fordert, dass auch nach Corona der direkte Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden insbesondere bei in nicht-technischen Fächern wieder stattfinden wird.
  3. Die Digitalisierung kann insbesondere bei technischen Fächern zu einer verbesserten Anschauung führen. Sie soll aber nicht zu einem Fernunterricht verkommen. Der fh-ch fordert, dass die teils notfallmässig eingeführte Digitalisierung nicht zum Sparpaket für den Unterricht verkommt, sondern im Diskurs mit den Dozierenden dort vorangetrieben wird, wo sie tatsächlich Mehrwert bringt.
  4. Der Fernunterricht setzt andere Fähigkeiten bei Studierenden voraus als Klassenunterricht. Der fh-ch fordert, dass der durch die Corona-Epidemie erzwungene Fernunterricht und dessen Resultate in den Examinas im Diskurs mit den betroffenen Studierenden und Dozierenden analysiert und beurteilt werden.

Siehe fh-ch: https://fh-ch.ch/wp-content/uploads/sites/8/2021/10/Gespraechsgrundlage-Covid.pdf